Selbstmorde unter indischen Bauern

Der Anbau von Bt-Baumwolle und die Selbstmorde unter indischen Bauern

Richtig ist: Es gibt in Indien Tausende von Bauern-Selbstmorden. Die indische Regierung wiederum reagiert auf Selbstmorde mit Unterstützungszahlungen an die Hinterbliebenen.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen der Selbstmordrate und der Verwendung von gentechnisch verändertem Saatgut gibt. So wies eine umfangreiche Studie des International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington* nach, dass es unter indischen Baumwollfarmern schon vor der Einführung gentechnisch veränderter Bt-Baumwolle im Jahre 2002 viele Selbstmorde gab und deren Häufigkeit danach nicht zugenommen hat.

Die Hintergründe der Selbstmordwelle sind weitaus komplexer als häufig lax behauptet. Es ist ein ganzes Bündel von zusammenhängenden Ursachen sozialen und ökonomischen Ursprungs, zu dem vor allem geringe Bildung, der unverantwortliche Vertrieb des Saatguts und unzureichende Kreditgewährung zählen. Malcolm Harper, ein britischer Experte für Mikrofinanzierung, der einem Expertengremium angehörte, das im Auftrag der indischen Regierung Ende 2007 Vorschläge zur Verbesserung der Lage der Bauern erarbeitete, weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass mangelnde Erträge, für die Kritiker die Bt-Baumwolle verantwortlich machen, in Wirklichkeit oft auf minderwertiges, weil gefälschtes, Saatgut zurückgehen. Nach Schätzungen ist etwa ein Drittel der modifizierten Baumwollsamen nicht echt, davon wiederum etwa ein Drittel minderwertig. Die geringeren Erträge aus solchen Saaten stehen nicht im Verhältnis zu den erhöhten Kosten für das Saatgut selbst und die übrigen Investitionen. Bauern, die solches Saatgut kaufen, werden geschädigt und es gibt Hinweise, dass Händler Kredite anbieten, um für minderwertige Ware Käufer zu finden.* So schließt sich zumindest ein Kreis.

Der Anbau von Bt-Baumwolle ist sicherlich weder ein Allheilmittel gegen noch verantwortlicher Auslöser von den beschriebenen Problemen. Ihr erfolgreicher Einsatz ist von entsprechenden Faktoren wie zum Beispiel Klima, Bildung und ökonomischen Rahmenbedingungen abhängig. Dass der Erfolg dann aber auch sichtbar ist, belegen die Zahlen: Heute wird in Indien auf fast 90 Prozent der Baumwollanbaufläche Bt-Baumwolle angepflanzt. Die indische Baumwollproduktion stieg von 278 kg/ha im Jahre 2002 auf rund 481 kg/ha in 2011 an. Die Produktion hat sich also fast verdoppelt. Indien wurde nach China und vor den USA zum zweitgrößten Baumwollexporteur.

Im Jahr 2012 haben Wissenschaftler der Universität Göttingen die Ergebnisse einer ersten Langzeitstudie zum Anbau von Bt Baumwolle in Indien vorgestellt. Sie kamen zu der Erkenntnis, dass die Technologie den Kleinbauern erheblich nützt und sich positiv auf deren Erträge und Einkommen auswirkt. Auch die von vielen Skeptikern befürchteten Rückschläge durch Bildung von Resistenzen sind bislang ausgeblieben. Die Ergebnisse der Studie wurden in der renommierten Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)* veröffentlicht.

* http://www.ifpri.org/publication/bt-cotton-and-farmer-suicides-india

* Taking Stock: Agrarian distress in India – poor indian farmers, suicide and government in: Enterprise Development and Microfinance,2011; http://practicalaction.metapress.com/content/g4ju53k548013488/

* Economic impacts and impact dynamics of Bt (Bacillus thuringiensis) cotton in India, in: PNAS Proc Natl Acad Sci U S A. Jul 17, 2012; 109(29): 11652–11656.; http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3406847/

11.09.2015

 

 

Nach oben scrollen